März – Ein stilles Jahr

Der 21. März ist der Internationale Tag des Waldes. Kreativ verarbeitet haben dieses Thema Carola Wolff in Flötentöne, C. A. Raabe in No one knows und Maike Stein in Wintersonnenwende. Und da der März dieses Jahr fünf Montage hat, gibt es nächste Woche einen Gastbeitrag, welchen ihr dann hier verlinkt finden werdet.

Content Warning: Diese Geschichte beinhaltet Gewalt gegen Menschen, Tiere und Pflanzen.

Ein stilles Jahr

Der Wald atmete, ein und aus.

Hoch ragten die rauen Stämme, fast bis in die Wolken, ehrwürdig und alt. Sie standen in respektvollem Abstand und doch strichen ihre Blätter gegeneinander, verhakten sich ihre Wurzeln. Sie flüsterten sich Geheimnisse zu, die Bäume und die Sträucher, die Gräser und die Winden. Jeder Spross, jeder Trieb hatte seine eigene Sprache, und doch war es der Wald, der sprach, der sich im Wind wiegte, der sich dem Himmel entgegen reckte und bis tief in seine Wurzeln griff, um der Erde ihre Wunder zu entlocken.

Kleine Tiere huschten über seinen Grund, nagten an seinen Rinden und vergruben seine Früchte, aus denen im nächsten Jahr junger, frischer Wald hervorspross. Käfer durchstreiften seine faulen Blätter auf dem Erdboden. Wild fraß die zarten grünen Sprossen von den Ästen und hinterließ Dünger für die Nachkommen. Und über all dem schien die Sonne; wärmte das Blätterdach und fiel in leuchtenden Strahlen auf das Unterholz, prasselte der Regen und schwemmte die lehmige Erde auf, sank der Schnee in lautlosen Flocken, fegte der Sturm.

Hunderte Jahreszeiten durchlebte so der Wald, und wenn ein Teil von ihm starb, so ehrte er ihn, indem er neues Leben aus ihm schuf.

Als die Zerstörer kamen, tauten gerade die Eiszapfen von den Bäumen, brach die Schicht von den Bächen und wagten sich die ersten Nager ins Freie. Die Tiere, vom Winterhunger aus ihren Löchern getrieben, waren die ersten, die starben. Sie wurden in die Enge getrieben, in Fallen gelockt und mit Waffen erschlagen. Die Jungen fielen wie die Alten, die Starken wie die Schwachen, und der Wald hallte wider mit ihren Schreien.

Die gefallenen Stämme, die den Spinnen und Käfern und Zecken eine Heimat boten, wurden von nächtlichen Feuern verschlungen. Die Zerstörer lachten, wenn sie die kleinen Körper im Flammenschein flüchten sahen. Der Wald flüsterte über ihnen, und sie warfen hastige Blicke über ihre Schultern, rückten näher zusammen. Entzündeten größere Feuer.

Der Frühling kam, aber dieses Jahr bot er dem Wald keinen Ausgleich zum harten Winter. Denn die Zerstörer brachen die zarten Pflänzchen, bevor große, starke, nahrhafte Pflanzen aus ihnen werden konnten. Sie zertraten die Nachkommen des Waldes mit ihren schweren Stiefeln und pflückten jede einzelne Beere von den Sträuchern, so dass die Vögel hungerschreiend auf den Ästen saßen. Sie verschlangen, was ihnen schmeckte und warfen die Reste in die Asche ihrer gewaltigen Feuer, so dass nicht einmal die Kerne sich in die Erde graben konnten, um selbst einmal neues Leben zu geben.

Der Wald spannte seine gewaltigen Äste und schützte sie vor Sonne und Sturm, so wie er alle seine Bewohner vor Sonne und Sturm schützte, und die Zerstörer zerschlugen seine Wurzeln und fällten seine mächtigen Stämme, um sich Behausungen daraus zu errichten. Sie bauten Zäune, deren spitze Pfähle die Larven in der Erde spalteten und deren Wände die Wildfamilien entzweiten. Sie fanden die Sommerblumen, die im Sonnenlicht mit ihrer Giftigkeit leuchteten, und stopften sie in ihre nimmersatten Mäuler. Und als die ersten von ihnen starben, qualvoll am Boden zusammengekrümmt, da packten sie ihre Knüppel und zerschlugen die Pflanzen in ihrer tödlichen Schönheit. Sie wüteten mit ihren Waffen bis keine Blume mehr stand, egal, ob giftig oder nicht. Der Waldboden war übersät von leuchteten Kelchen, und die hungrigen Tiere fraßen die Blüten in ihrer Not, kauerten sich zwischen die Wurzeln der Bäume und schrien ihr Leid zu den Blättern hinauf.

Die Bäume flüsterten nicht mehr. Sie hatten lange genug ihre Äste schützend über die Zerstörer gehalten, die, wie all die anderen Lebewesen, den Wald bewohnten. Sie hatten sie beherbergt, versorgt und genährt, und sie hatten dafür geblutet. Das endete jetzt. Die Zeit des Flüsterns war vorbei.

Der Wald hatte sich noch nie verteidigen müssen, aber er war nicht hilflos. Er war nicht schwach. Seine Wurzeln sogen schon seit Jahrhunderten die Nährstoffe aus dem Boden, seine Blätter entfalteten sich im gleißenden Licht der Sonne. Uralt waren seine Geflechte, und doch hatten sie die Kraft der Jugend auf ihrer Seite. Mannigfaltig waren die Bewohner des Waldes, und mannigfaltig das Leid, das sie von den Zerstörern erfahren hatten.

Lautlos, still, setzte der Wald sich zur Wehr. Die Hecken mit ihrem undurchdringlichen Geäst errichteten dichte Mauern um die Zerstörer. Ihre Zweige waren dünn und zerbrechlich, aber je öfter sie sich ineinander verhakten, desto stärker wurden sie. Desto sicherer wurden sie sich.

Die Zerstörer sahen die Hecken und rückten näher zueinander. Erst redeten sie, dann schrien sie, dann ergriffen sie ihre Waffen. Sie prügelten die Blätter von den Zweigen und der Wald weinte klebriges Harz, das seine Stämme hinunterlief. Sie schlugen auf die Ranken ein und der Wald schrie, lautlos, gellend, bis in jede Blattspitze hinein. Doch die Ranken hatten Dornen, um sich zu verteidigen, und die Zerstörer bluteten wie jedes andere Tier auch.

Und es waren nicht nur die Hecken. Es waren die Sträucher mit ihren Stacheln, die Bäume mit ihren schweren Ästen, die Pflanzen mit ihrem Gift. Tiere bleckten Zähne und Krallen. Die Zerstörer waren ihnen überlegen, aber sie waren nur wenige, und sie fürchteten sich. Der Wald hingegen war eins – ein Wesen, ein Leben, eine Kreatur, und wo die Zerstörer einander im Stich ließen, einander zurückließen, da rückte der Wald bloß näher zusammen.

Mit dem ersten Frost kehrte auch die Stille zurück in den Wald – ruhige, bedächtige, sorglose Stille. Die Körper der Zerstörer versanken im Erdboden; wurden zu Nahrung, ihre Bauten Schutz für die Tiere. Mäuse und Dachse kleideten ihre Winterhöhlen mit Stofffetzen aus. Die Krähen pickten die glänzenden Metalle aus der Erde hervor und freuten sich so lautstark, so ausgelassen daran, dass der ganze Wald mit ihren Schreien widerhallte.

Die Sonne wurde schwächer, die Winde stärker. Nachts überzog Raureif die Wurzeln und die Steine und die Gräser.

Der Wald atmet weiter, ein und aus.