Am Kirchhof

Im April haben wir uns von “Old Churchyard” von den Wailin’ Jennys sehr stimmungsvoll inspirieren lassen. Zu lesen gibt es dazu: First Date von Carola Wolff, Bevor ich schlafen kann von C. A. Raaven und Friedhof der Verschwundenen von Maike Stein. Und am Abend des 26. April, wenn dieser Post veröffentlicht wird, gibt es auch gleich eine Lesung unserer April-Geschichten – sofern die Technik es zulässt – kurz nach 18 Uhr auf Twitch.


Am Kirchhof

Hinter dem Friedhof wiegten sich die Ähren im Wind. Golden zogen sich die Felder bis an den Horizont, wo sie den blauen Himmel küssten, und dazwischen tupfte der Mohn rote Flecken zwischen die Triebe. Das Gras zwischen den Gräbern war von der Sommerhitze blass und dünn; es lag am Boden wie ein Sterbender, zuckte kaum mehr in der Brise.

Zwischen den Grabsteinen, mitten im geschundenen Gras, kniete ein Junge. Ein junger Mann, lang und dünn und schmal wie nur junge Männer es sind, die Arme ausgestreckt, die Finger in der staubigen Erde vergraben. Er weinte nicht, aber hin und wieder zuckten seine Schultern, als mache er sich Hoffnung darauf.

Eine Frau trat aus der kleinen Kapelle. Ein dünnes Tuch lag auf ihren Schultern, um sie vor der Sonne zu schützen. Sie blinzelte, als sie aus der Dunkelheit ins strahlende Sonnenlicht trat, und schien den jungen Mann im ersten Moment nicht zu entdecken. Erst als sie die Holztür hinter sich ins Schloss gezogen hatte und ein paar Schritte den schmalen Weg entlang gegangen war, zuckte sie zusammen und blieb unsicher stehen.

Er sah sie nicht an. Er richtete sich nicht auf.

Die Frau machte einen Schritt auf ihn zu. „Du musst nicht um sie weinen, mein Kind.“

Er krallte die Finger in die Erde, sodass sich kleine Steine unter seine Nägel gruben, und lachte heiser. Fast lautlos. Wie konnte er nicht weinen? Er hatte sie alle verloren.

Robert mit den feuerroten Haaren. Alise, die schneller laufen konnte als sie alle zusammen. Nicholas und Valentin, die beiden Brüder, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Laura mit dem süßen Lächeln und dem strengen Vater, der stets auf ihrer Veranda wachte und nicht bemerkte, wie sie hinter dem Haus über die Felder rannten, lachend und keuchend, immer den fernen Lichtern des Jahrmarkts entgegen.

Die Frau kam noch einen Schritt näher. „Sie sind jetzt an einem besseren Ort. Nichts kann ihnen mehr etwas anhaben.“

Der junge Mann sagte nichts. Er erhob sich nicht aus seiner Verkrümmung. Sein Atem ging schnell und flach, und weil sie ihn nicht kannte und sein Schmerz etwas in ihr anrührte, dem die Frau nicht ins Auge sehen wollte, zog sie ihr Tuch fester um ihre Schultern und ging.

Es war heiß auf dem Markt gewesen, obwohl die Sonne schon untergegangen war. Valentin hatte sein Hemd ein wenig aufgeknöpft, Alise auf kühle Limonade bestanden. Das platt getretene Gras zwischen den Buden hatte genau so gerochen wie das heute unter seinen schmerzenden Knien.

Es war ein Scherz gewesen. Ein Spaß. Sie hatten ihn herausgefordert, damals auf dem Jahrmarkt. „Geh zur Wahrsagerin“, hatten sie gesagt. „Finde heraus, was sie dir zu prophezeien hat.“ Und weil ihm nichts etwas anhaben konnte, inmitten der bunten Lichter, gewärmt von Süßem und Wein und dem Ring seiner Freunde, hatte er den schweren Vorhang zurückgeschlagen und war eingetreten.

Hatte sich auf einen kleinen Schemel an den Tisch gesetzt und seinen Arm auf die samtene Decke gelegt.

Die Wahrsagerin hatte geschwiegen. Lange, lange hatte sie seine Hand betrachtet, und als sie endlich zu ihm aufsah, stand Gram ihn jeder Falte ihres alten Gesichts geschrieben. Stumm hatte sie auf seine Hand gewiesen – auf die Lebenslinie, die sich über seine Handfläche zog, über das Gelenk und den Arm hinauf, weiter und weiter, bis ihre rauen Fingernägel im Stoff seines Hemdes hängenblieben und er sich losriss und aufsprang, der Atem schwer, sein Sitzplatz umgeworfen.

Das Lachen war von ihren Gesichtern gerutscht, als er aus dem Zelt stürmte, und sie waren ihm nachgeeilt, hatten nach seinen Händen gegriffen und seinen Namen gerufen. Er war nicht stehen geblieben. Immer leiser waren ihre Worte geworden, und um jeden seiner Freunde, die zwischen den Ähren stehen blieben und ihn gehen ließen, war er damals dankbar gewesen.

Wie er sie vermisste.

Es war der letzte Abend gewesen, bei dem sie alle zusammen waren. Zwei Tage später, das hatte Nicholas ihm gesagt, war Valentin von einem Pferd an die Schläfe getreten worden. Er verstarb ein paar Tage später und wurde davor nie wieder klar. Alise starb kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes, an einer Infektion im Wochenbett. Nicholas, nun Witwer mit zwei weinenden Kleinen, ergraute schnell, aber er lebte noch viele Jahre. Manchmal sahen sie sich im Ort; manchmal wurde sein Jugendfreund für seinen großen Bruder gehalten, oder seinen Vater, oder einen alten Onkel. Sie tranken Bier unter den Linden und erzählten von früher und der junge Mann rieb seinen gezeichneten Arm und sah Nicholas nicht in die Augen.

Die schöne Laura wurde an einen Händler verheiratet und zog in die große Stadt, aber später, viel später, als der alte Handelsmann verstorben war und ihre Töchter ebenfalls unter der Haube, kam sie in den Ort zurück. Sie zog zurück in das Haus mit der Veranda und ihr Tee-Service zersplitterte auf den Dielen in tausend Scherben, als sie ihn sah.

Sie fragte ihn nie nach der Nacht auf dem Jahrmarkt, aber in heißen Sommernächten setzte sie sich auf die Stufen hinter dem Haus und sah hinaus über die Felder, und dort schlief sie eines Abends lächelnd ein.

Nicholas wurde nicht viel älter – ein Unfall, nur ein Sturz, die Sorte Verletzung, die einem jüngeren Mann bloß ein paar Flüche abgerungen hätte.

Robert war der Letzte, der ihn verließ – ein alter Mann an einem Stock, der zuletzt seine eigenen Enkel nicht mehr erkannte aber stets lächelte, wenn er seinen alten Freund sah.

Aber nun waren sie alle nur noch Knochen in der Erde.

Er drehte sich auf den Rücken. Das grelle Blau und Weiß des Himmels brannte in seinen Augen. Er legte einen Arm übers Gesicht, um sie zu schützen; den Arm, dessen weiche Haut von einer langen, feinen, ununterbrochenen Linie gezeichnet war.

„Ich weine nicht um sie“, erklärte der junge Mann viel zu spät. Er ließ die Knöchel über Lauras Grabstein streichen. „Ich weine um mich.“

Wenn die Linie auf seiner Hand ein Menschenleben war, dann lagen noch viele Jahrzehnte vor ihm – Jahrhunderte, Jahrtausende. Er würde leben und lieben, verlieren und vergessen, bis er sich eines Tages nicht einmal mehr an sie erinnerte, nicht an seinen alten Freund Robert, nicht an Nicholas unter den Linden, nicht an den Jahrmarkt und nicht an die schöne Laura, die atemlos vor Lachen über die dunklen Felder rannte.

Der junge Mann weinte um sich und die Bäume neigten sich ihm entgegen, die Sonne hüllte ihn in ihre Wärme, die Ähren wiegten sich zu seinem Trost.